Letztes Jahr habe ich unheimlich viel Zeit am Einlass verbracht, das passiert mir dieses Jahr nicht noch einmal! Darum fahre ich erst um elf Uhr los in Richtung Trebsen. Die große Wiese direkt an der Mulde, die normalerweise als Parkplatz dient, will ich nicht ansteuern. Es könnte ein Hochwasser vorbei schwebbern und dann kostet es auch noch Geld. Da kommt der Schwabe durch und ich habe daheim schon die Umgebung mit Hilfe Streetview durchsucht. Und ich bin fündig geworden. Beim Friedhof abbiegen, den Kindergarten links liegen lassen und hinterfahren bis zu den Teichen. Es steht zwar schon ein Wohnmobil, aber das stört mich nicht.

Sieben Menschen teilen sich vier Kassen. Das ist ein guter Start und wenige Augenblicke später durchquere ich den Park. Da ich schon mehrmals das Spektakel besucht habe, laufe ich zielstrebig zur Sportarena. Hier werden Steine geworfen, Bierfässer gerollt, Baumstämme getragen, Heusäcke über Stangen geworfen und Fußbälle aus Stein mit 110kg Gewicht geschleppt. Es kann so einfach sein! Die meisten Kämpfenden tragen Röcke, doch es sind auch ein paar starke Mädels darunter. Seitdem das Geschlecht beliebig gewechselt werden kann, fühlen sie sich bestimmt als Hochstapler*Innen.

Nachdem ich mich sportlich satt gesehen habe, mache ich mich auf eine Runde entlang der Buden. Hier gibt es Rosterbräterei, Zuckerwattestand, Schmied mit offenem Feuer und harten Hammerschlägen, Bierbude, Haggis und mehr, Whiskyverkostung, Eselreiten, Geschirr aus Holz, glitzender Schmuck für Hand, Hals und Ohr, WC, noch ein Bierstand, ein Fischwagen, Eis in vielen Farben, Falkner mit Raubvögel, schottische Hochlandrinder zum Begaffen, eine Hundeschulewerbeshow, Kinderkarussel und eine Hanfbäckerei.
Musikalisch wird einiges geboten: die schottischen Pipe-Bands, Folk-Rock auf der großen Bühne, Irischer Stepptanz, schottische Tänze und für die kleineren Musikmachenden gibt es noch die kleine Bühne. Dazu vermengt sich noch die Musik der Fahrgeschäfte und die Kommentierung der Wettkämpfe. Auch Hundegebell und Kindergebrülle ist ein fester Bestandteil der Geräuschkulisse.

Es gibt extra ein Zelt für Interessierte, die mal Dudelsack spielen wollen. Ein erkennbares Lied ist aber zu viel verlangt, die meisten sind froh, wenn irgendein Ton das Instrument verlässt. Oder sie posen für Insta und ähnliches. Der Schein ist soooo wichtig! Im Nachbarzelt werden die Instrumente warmgespielt. Mit einem einfachen Stimmgerät wird jede Pfeife überprüft und gegebenenfalls die Tonhöhe korrigiert. Die Kapelle will ihre Lieder perfekt darbieten. Und schon sammeln sie sich vor der Arena, ein kurzes Gebrüll vom Chef und schon setzt sich der Pulk im Gleichschritt in Bewegung. Neugierig beäugt von vielen Zuschauern. Den Schiedsrichter entgeht keine Kleinigkeit: ein schiefer Kragen, Dreck am Schuh, ein falscher Ton, ein Trommelschlag an der falschen Stelle, alles führt zu Punktabzug!

Ich bin froh, dass ich meine 360°-Kamera dabei habe. Denn ich befestige sie an einer Teleskopstange und habe damit einen erhöhten Blick aufs Geschehen. Das Fußvolk kloppt sich um die besten Bilder und Videos, die in den seltensten Fällen nochmals angesehen werden. Vielleicht gönne ich mir mal eine neue Kamera mit höherer Auflösung. Es lohnt sich auf jeden Fall.
Um dem Trubel etwas zu entfliehen, schaue ich ein paar Minuten über die Schlossmauer auf die Mulde und ein paar Kühe, die sich gemütlich schmatzend auf der Wiese aufhalten. Ich fühle mich beinahe wie Zuhause mit Blick auf meine Wiese.
Im Innenhof gibt es Kaffee und Kuchen, eine Band auf der Bühne und ein paar tanzende Paare. Im Schatten des Schlosses sind Biertischgarnituren aufgestellt. Auch hier wird stetig in sich rein gefuttert. Eigentlich sind die meisten nur zum fressen und saufen gekommen, wie ein Mittelaltermensch dazu sagen würde. Von der kleinen Bühne höre ich Soundfragmente, erkenne aber die Lieder nicht. Dazu hängt der Duft der Garküchen und Grillstände in der Luft.
Gegen Abend sind die Wettkämpfe beendet. Die Kapellen sammeln sich. Das Publikum bildet eine Rettungsgasse bis vor zur Hauptbühne. Und schon geht es los: Alle Kapellen spielen ein gemeinsames Lied. Für mich nicht ungewohnt, denn bei den Schalmeien verlief das ähnlich. Auch hier waren die Trommler und Pauker am Ende des Zuges. Problem: an der Spitze der Musikkarawane sind sie kaum zu hören. So findet jeder seinen eigenen Rhythmus ;)
Auf der Bühne werden die Sieger der einzelnen Wettkämpfe aufgerufen. Und am Ende erklingt nochmals ein Monsterkonzert mit allen Musikerinnen und Musiker. Bombastisch! Der offizielle Teil ist somit beinahe beendet, es folgt noch Folk-Rock auf der Bühne. Die Bierstände haben natürlich geöffnet, auf dem Grill wird es langsam übersichtlich. Ich lausche ein paar Lieder und mache mich dann auf die Suche meines Hybrids...